Der 25. Sommer voller Musik
OESTRICH (26. Januar 2012). „Das Rheingau Musik Festival mit 19 Konzerten an fünf Spielstätten“ – was 1988 eine interessante Meldung war, wäre heute eine Katastrophenschlagzeile, hieße es doch, dass man nach 153 Konzerten an 43 Spielstätten im Jahr 2011 nunmehr sehr viel kleinere Brötchen backen müsste. Zum Glück ist das Gegenteil der Fall…
Das Zahlenspiel dokumentiert die rasante Entwicklung einer faszinierenden Idee zu einem der renommiertesten Musikfestspiele Europas: Das Rheingau Musik Festival startet am 23. Juni in seine 25. Saison – und zwar mit 157 Konzerten an 41 Spielstätten. Hierfür befinden sich 123.000 Karten im Angebot. Ein weiterer Blick zurück zeigt, dass man dieses Niveau annähernd schon zehn Jahre nach Gründung erreichte – und bis heute gehalten hat: Im vergangenen Jahr kamen 111.500 Besucher zu den Konzerten, womit die Konzertauslastung 91 Prozent betrug; 175 Sponsoren und Förderer unterstützten das Festival und stemmten den finanziellen Aufwand knapp zu Hälfte, wobei die öffentliche Hand nur 0,36 Prozent des Etats trug.
Der Blick auf diese Zahlen belegt den Erfolg der einstigen „Idee“, zwischen Rhein und Reben die besten Musiker der Klassik- und mittlerweile auch Jazz-Szene auftreten zu lassen. In diesem Jahr verwandelt sich die Region von Wiesbaden bis Lorch in der Zeit vom 23. Juni bis zum 1. September ebenfalls in eine riesige Konzertbühne, auf der sich nationale und internationale Musikergrößen ein Stelldichein geben und Musik aus nahezu allen Epochen, Gattungen und Genres erklingen lassen.
Eröffnet wird das 25. Rheingau Musik Festival traditionell in der Basilika von Kloster Eberbach mit der Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“: Das hr-Sinfonieorchester musiziert unter der Leitung von Paavo Järvi gemeinsam mit dem Tschechischen Philharmonischen Chor und den Limburger Domsingknaben, wobei das Konzert am 23. Juni von hr2 live im Rundfunk übertragen wird; ein Bildmitschnitt wird am 24. Juni um 20.15 Uhr im hr-fernsehen gesendet.
Auch in diesem Jahr haben die Festival-Planer wieder ein erlesenes und anregendes Programm geschaffen, das neben Orchester- und Solistenkonzerten sowie Chorkonzerten und Aufführungen Alter Musik einen Akzent bei der Kammermusik und hier vor allem auf die Klaviermusik setzt. Musikalisch literarische Abende, Kinderkonzerte, Jazz und Weltmusik sowie die Nachwuchsförderung runden das Jubiläumsfestival stimmungsvoll ab.
Thematisch setzt man 2012 Schwerpunkte in den Bereichen „Festmusiken“, „Wegebegleiter“, „Geigenreigen“, „Orgeldimensionen“ und „Junge Virtuosen“. Das Komponistenportrait ist in diesem Jahr dem ungarischen Dirigenten und Komponisten Peter Eötvös gewidmet. In der Reihe „Rendezvous mit…“ kommt neben Jacques Loussier (24. Juli) und René Jacobs (28. August) im Gespräch mit Katharina Eickhoff auch Intendant Michael Hermann zu Wort, der am 11. Juli in der Kelterhalle des Rheingau Musik Festivals in Oestrich sicherlich interessante Erinnerungen aus der 25-jährigen Festival-Geschichte zu berichten weiß.
Blättert man durch das druckfrische und wieder fast 100 Seiten starke Saisonprogramm, ahnt man, wie stolz die beiden Gründungsväter des Rheingau Musik Festivals, Michael Hermann und Claus Wisser, auch in diesem Jahr wieder sein müssen – und sie sind es zu recht: Allein schon der Themenschwerpunkt „Wegbegleiter“ dokumentiert die Treue, die Stars der Musikszene den Veranstaltern über ein halbes Jahrhundert lang gehalten haben: Das ist Ludwig Güttler mit seinen Virtuosi Saxoniae (27. Juni in Kloster Eberbach), da ist der Kammerchor Stuttgart unter Frieder Bernius mit dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms (6. Juli in Kloser Eberbach), da sind die Pianisten Anthony und Joseph Paratore in einem Kindersinfoniekonzert (8. Juli im Wiesbadener Kurhaus), der Windsbacher Knabenchor unter der neuer Leitung von Martin Lehmann (26. Juli in der Wiesbadener Marktkirche) oder der Pianist Gerhard Oppitz (7. August auf Schloss Johannisberg).
Auch 2012 sind wieder große Virtuosen zu erleben. Den „Geigenreigen“ musizieren dabei unter anderem Henning Kraggerud (18. Juli in Kloster Eberbach), Veronika Eberle (24. August im Wiesbadener Kurhaus) und Isabelle Faust (31. August ebenda). Die „Orgeldimensionen“ beschreiben Thomas Frank (9. August in der Wiesbadener Marktkirche), Cameron Carpenter (15. August im Wiesbadener Kurhaus) und Kay Johannsen (26. August in St. Martin zu Lorch).
Neben dem Jacques Loussier Trio (25. Juli im Wiesbadener Kurhaus) erlauben Paco de Lucia (29. Juni auf Schloss Johannisberg), das Ensemble „Take 6“ (14. Juli im Wiesbadener Kurhaus) und Joscho Stephan (29. Juli in Schloss Reinhartsausen) einen Blick auf „Jazz and beyond“.
Majestätische Klänge vor allem von Händel bieten die „Festmusiken“ mit der „Feuerwerksmusik“, musiziert vom Zefiro Baroque Orchestra (12. Juli in Kloster Eberbach) oder dem „Dettinger Te Deum“ (16. August ebenda), dargeboten vom Bachchor Siegen und dem Kölner Kammerorchester. Chorsinfonik ist unter anderem mit Bachs h-moll-Messe (25. August in Kloster Eberbach), seiner Matthäuspassion (29. August ebenda) und Mendelssohns „Paulus“ (30. August ebenda) zu hören.
Ist Peter Eötvos, den man am 4. Juli auf Schloss Johannisberg im Gespräch erleben kann und dessen Werke auch tags darauf im Wiesbadener Kurhaus unter der Leitung des Komponisten von den Klarinettisten Sebastian Manz und Dirk Altmann, dem Piano Duo GrauSchumacher und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR zur Aufführung gelangen, mit seinen 68 Jahren bestimmt nicht mehr zu den „Jungen Virtuosen“ zu zälen, dürfen sich aber sicherlich die sieben Künstlerinnen und Künstler als solche bezeichnen, die in der gleichnamigen Reihe des Festivals auftreten, unter ihnen das Ensemble „Quatuor Modigliani“ (12. Juli auf Schloss Johannisberg) sowie die Stimmen von Hanna Herfurtner und Benjamin Appel mit dem „Italienischen Liederbuch“ von Hugo Wolf (von Jonathan Ware am Klavier begleitet am 30. August auf Schloss Johannisberg).
Ob aus den ganz kleinen Konzertbesuchern des 25. Rheingau Musik Festivals einmal junge Virtuosen werden, hängt auch davon ab, wie sehr sie sich vom Dargebotenen vor Ort begeistern lassen – die Chancen dafür stehen jedoch nicht schlecht, wenn am 26. Juni auf Schloss Johannisberg die Augsburger Puppenkiste zu Gast ist oder am 8. Juli ein „Krimi-Mäusical“ mit dem Namen „Die Pecorinis“ aufgeführt wird.
Musikalische Lesungen mit Roger Willemsen (13. Juli auf Schloss Johannisberg), Schelmisches von Heinz Erhardt mit Walter Renneisen (14. und 15. August in Eltville) und die „Fahrenden Musiker in Weingütern“ am 21. und 22. Juli mit einem Mix aus Swing und Weltmusik sowie die beliebte „Steinberger Tafelrunde“ am 28. Juli in Kloster Eberbach gehen auch abseits des reinen Klanggenusses künstlerisch-kulinarische Wege, die durchaus auch mal im nassen Element verlaufen, wenn das Publikum am 19. August gemeinsam mit dem Kabarettisten Lars Reichow und der Red Hot Tottentots Brassband in See sticht. Auch das Rheingau Literatur Festival feiert in diesem Jahr ein Jubiläum und findet vom 20. bis zum 30. September zum 20. Mal statt.
Karten und Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen gibt es ab dem 26. März 2012 unter der Telefonnummer 06723 602170 und im Internet unter http://www.rheingau-musik-festival.de.


