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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Eigene Akzente mit Bedacht gesetzt

WIESBADEN (26. Juli 2012). Keine Frage: Auf dieses Konzert des Rheingau Musik Festivals war das Publikum besonders gespannt: „Sein“ Windsbacher Knabenchor, langjähriger Weggefährte der Konzertreihe, erstmals unter der Leitung von Martin Lehmann. In der Marktkirche bewies das Ensemble, dass es nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat und bescherte seinen Zuhörer einmal mehr eine Sternstunde der Vokalmusik.

Was hat sich verändert? Auch wenn man es eigentlich gar nicht will, so kommt man doch kaum umhin, Vergleiche anzustellen – zu sehr hat Karl-Friedrich Beringer diesen Chor geprägt. Martin Lehmann aber macht offenbar genau da weiter, wo sein Vorgänger aufgehörte, hat sich dem Chor behutsam angenähert und setzt eigene Akzente mit Bedacht. Der Künstler arbeitet spürbar mit Kontinuität.

Das Programm? Ist anders. Gewiss: „Aus der Tiefe“ von Heinrich Schütz, Anton Bruckners „Os justi“ oder „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy sind gesetzt. Aber Lehmann hat das Spektrum bereits erweitert: Mit Kompositionen von Johann Pachelbel, Johann Hermann Schein, Johann Michael Bach und Johann Christoph Bach hört man Werke des Frühbarock und mit Vytautas Miškinis (*1954) sowie Javier Busto (*1949) macht das Programm einen Schritt in die Gegenwart – ausgewogen, ansprechend, überzeugend.

Das Niveau? Es ist – zugegebenermaßen ein bisschen überraschend – gleich hoch wie unter anderer Stabführung. Und das stimmt mehr als optimistisch: Scheinbar sind Lehmann und die Sänger in der kurzen Zeit, in der der Dirigent „seinen“ Windsbachern nun vorsteht, bereits recht eng miteinander verwachsen. Hatte der Neue sein Licht anfangs bewusst unter den Scheffel und in Aussicht gestellt, dass es wahrscheinlich einige Generationen von Knaben bräuchte, um sich von Altem zu lösen und auf Neues einzustellen, scheint er hier zumindest derzeit glücklicherweise falsch zu liegen: „Welpenschutz“, das belegen auch andere Kritiken, scheint dieser Chorleiter nun wirklich nicht zu brauchen.

Denn auch unter seiner Leitung ist der Windsbacher Knabenchor einer der besten: Die Klangsprache, in der dieses Ensemble spricht, hört man nicht allzu oft. Transparenz, Diktion, Homogenität und Intonation sind keine Fremdworte, sondern fügen sich zu einem harmonischen Ganzen, das in allen Stilen und Epochen zuhause scheint. Und das mit einer Sicherheit, die immer wieder beeindruckt – nicht nur stimmlich. Noten scheint hier fast keiner zu brauchen und auch die wenigen Knaben, die zur Sicherheit die Mappe halten, schauen kaum hinein: Alle sind beim Dirigenten.

Das Konzert beginnt mit der Choralmotette „Das Blut Christi“ von Johann Michael Bachs, in der der Sopran über den anderen Stimmen schwebt. Wie auch die anderen barocken Werke sekundiert hier die Continuo-Gruppe der Akademie für Alte Musik Berlin: Jan Freiheit (Violoncello), Walter Rumer (Kontrabass) und Raphael Alpermann (Truhenorgel). Das ist neu und orientiert sich an einer (der Schulpolitik – G8 lässt grüßen! – geschuldeten) aktuell etwas schlanken Besetzung in den Männerstimmen. Diese Stütze gibt dem Ensemble zusätzlich Halt – und ist nichts Ehrenrühriges.

Die Bach-Motetten „Lobet den Herrn, alle Heiden“ und „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn“ gelingen mit gestochen scharfen Koloraturen und großer Textbindung: Das Flehen wird drängend ausgesungen und im Choral des doppelchörigen Frühwerks des Thomaskantors zeigt Lehmann, dass auch er mit den Windsbachern etwas vermag, was nicht viele können: aus einem kleinen Cantus etwas Großes zu schaffen. Bruckners „Os justi“ füllt das Gotteshaus bis in den kleinsten Winkel und das Amen nach dem „Gloria Patri“ bei Schütz klingt wie in Stein gehauen.

Man könnte sich verlieren: in den weit gefassten Bögen, der Dynamik, die sich eher in intensiven Klangfarben als im Wechsel von Laut und Leise ausdrückt; in der Durchsichtigkeit der Fugen bei Bach; im Aufblühen bei Reger; in der Dramatik bei Mendelssohn (mit hochtalentierten Solisten in den Reihen der Knaben); im rhythmischen Swing eines Miškinis oder in der Durchhörbarkeit der einzelnen Register im dichten Tongewebe eines Busto. Und natürlich in den Klängen von Rheinbergers Abendlied Opus 69, Nr. 3., das die Windsbacher unglaublich zart als Zugabe intonieren. Auf Wiederhören!

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